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18.06.2008 Druckversion | Versenden

Der EM-Blog (11)

"Ich wusste, dass das Spiel verkauft ist!"

Zu den Abschluss-Spielen der Todesgruppe C verirrte sich Ralf Piorr in eine Wettbude und lernte am Ende, dass jeder sein Kreuz zu machen hat.




Die Spiele liefen gerade zehn Minuten, als ein Mann vermutlich tamilischer Herkunft mit einem Bündel Tippscheine in die Wettannahme stürzte. Ein kurzer Blick auf die Bildschirme, noch überall 0:0, und dann die atemlose Frage an die Frau hinter der Annahmetheke: „Wer hat Anpfiff?“ Für einen Augenblick waren die Fragezeichen in der Luft geradezu greifbar. Mit der Routine langjähriger Berufserfahrung („Manche Kunden sind eher Patienten!“) antwortete die Angestellte nach einem kurzen Blick auf den Computermonitor: „Holland und Rumänien“. Zerknirscht sah der Mann auf seine ersten Scheine und zerknüllte sie. Der Packen in seiner Hand wurde kaum kleiner. Es ging nicht um den Anpfiff, sondern um den Anstoß, auf den man natürlich „wetten“ kann (Quote 1,9). Der passende Ort dazu: Das kleine Wettbüro in unserer Straße.

Vor etwa drei Jahren schossen Wett-Annahmestellen ähnlich wie „Ein-Euro-Läden“ und „Frisöre“ in den Innenstädten des Ruhrgebiets geradezu aus dem Boden. An jeder Ecke konnte gezockt werden. Da sich aber die Rechtslage ständig ändert, und die Duldung von Wettbüros von Stadt zu Stadt verschieden ist, stehen heute wieder viele Läden leer. Hier an der Bochumer Straße in Herne läuft das Geschäft aber noch. An diesem EM-Abend verlieren sich etwa fünfzehn Personen in den Räumlichkeiten, in denen mindestens acht Flachbildfernseher an den Wänden hängen. Hier drin ist alles auf das Sachliche reduziert: Stifte, Tippzettel und Quotenlisten liegen auf jedem Tisch, an einem Automaten kann man Kaffee und Suppe ziehen, ein anderer bietet Kaltgetränke. Geraucht wird vor der Tür. Wettbuden sind keine Feng-Shui-Räume, sondern Männerwelten – und so sehen sie auch aus: schlicht und irgendwie gebraucht. Als ich Fotos machen will, werden einige Zocker unruhig. „Nein, lieber nicht“, winkt ein Mann ab, der einen Wust von Zettel vor sich mit dem Taschenrechner seine Quoten kalkuliert. An einem anderen Tisch sitzt ein Mann und führt eine Strichliste. Er hat Einwürfe und Ecken getippt und muss jetzt bei beiden Spielen, die parallel auf den Fernseher zu sehen sind, alles nach halten. Irgendwann, weit in der zweiten Hälfte, sollte er urplötzlich aufschreien. Bei den Spielen war nichts Spektakuläres passiert, jedenfalls nicht für uns Außenstehende. Für ihn war ein Schein „drin“: Es hatte den 49zigsten Einwurf gegeben (Quote 1,85). Für mich hat diese Form der Wetten etwas von „schön saufen“. Selbst öde Spiele bekommen eine ganz eigene Dynamik, wenn man genug Geld auf die Gesamtzahl der Ecken (über/unter 9,5) oder Abstöße (über/unter 19,5) gesetzt hat.

An diesem letzten Spieltag der Todesgruppe C bestimmt aber nur ein Thema den Abend: Wird Oranje das Spiel abschenken, damit Frankreich und Italien aus dem Turnier gekegelt werden und keine potentielle Halbfinalgegner mehr sind. „Wir haben bei diesem Spiel schon den ganzen Tag ungewöhnliche Quotenschwankungen“, erklärt mir die Angestellte. Als Marco van Basten Hollands Formation endgültig bekannt gibt und damit allen klar wurde, dass er mit „Reservisten“ auflaufen wird, fiel die Quote auf einen rumänischen Sieg innerhalb von Sekunden um mehr als 0,5 Punkte. Zum Verständnis: Je geringer die Quote, desto weniger Geld kann man bei einem Sieg der Mannschaft gewinnen. Natürlich gibt es dann auch die, die gegen die Quote wetten, und Ersatzleute wie van Persie, Huntelaar & Co. immer noch für stark genug halten, die Rumänen zu schlagen. Und wann kriegt man schon einmal 29 EUR für 10 EUR Einsatz für einen holländischen Sieg über die Karpaten-Truppe? Ein Patient hatte jedenfalls auf die Holländer gesetzt. Als Arjen Robben nach 30. Minuten eine riesige Chance vergab, schrie er: „Ich wusste, dass das Spiel verkauft ist!“ Mir war klar, dass es vollkommen unpassend war, anzumerken, warum er denn, wenn er es doch vorher gewusst hätte, trotzdem auf die Holländer getippt habe? Ich sagte es dennoch und sah in seinen Augen Teer und Federn. Humor und eine gewisse Subtilität haben in einer Zockerbude nichts verloren. Wenigstens die späteren Tore beschwichtigten ihn. Nach dem 2:0 sagte er grinsend: „Na, habe ich nicht gesagt: Holland gewinnt trotzdem!“

Alle Gäste, mit denen ich ins Gespräch kam, waren „Gewinner“. Jeder hatte während der EM schon einen raffinierten Coup gelandet. Dass das Geld meistens mit anderen Wetten wieder verbraten wurde, darüber fällt der Mantel des Schweigens. Während die Leute in diesem Lande an sich gerne jammern, ergeben sich die Zocker in Schönfärberei. Schon rein prinzipiell ist für einen Wettjunkie kaum eine Frage absurder als: „Hast Du wenigstens schon etwas gewonnen?“ Sie zeigt höchstens die Naivität des Fragestellers, der wahrscheinlich seinen potentiellen Gewinn zinsbringend auf einem Sparbuch anlegen würde. Er hat nicht verstanden, worum es wirklich geht. Die Wettleidenschaft ist eine Ersatzbefriedigung für etwas, was im alltäglichen Leben fehlt: Glück, Liebe, die Klarheit über gut und böse.

An Ende meines Aufenthalts war ich angefixt. Ich hatte so viel über Wetten und Quoten geredet, dass ich nicht umhin kam, selbst noch eine klassische Wette zu platzieren (mehr darüber im Blog am Donnerstag). Während ich über dem Tippschein brütete, kam die Angestellte des Hauses zu mir. „Aha“, sagte sie, „du weißt ja: Glücksspiel kann süchtig machen!“ Ich grummelte und machte mein Kreuz.



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